18. Juli 2011
Vereinbart wurde eine Neuauflage der Coop-Schule von 1978 (!) Damals von der sozialliberalen Mehrheit im Landtag (Ministerpräsident Heinz Kühn) per Gesetz eingeführt, von CDU, Philologenverband und konservativen Elternverbänden durch ein Volksbegehren gekippt. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sprach sich seinerzeit auch gegen die Coop-Schule aus, weil sie als Kompromiss der Landesregierung zur Rettung des Gymnasiums zu sehen sei. Die Ironie war, dass die Konservativen gegen die Coop-Schule Sturm liefen, weil sie sie gerade als Schritt zur Abschaffung des Gymnasiums sahen. Dabei verzichtete eine wieder einmal unentschiedene SPD auf das ursprüngliche Ziel der Bildungsreform der siebziger Jahre (Willy Brandt: „Mehr Demokratie wagen!“), schrittweise das komplette dreigliedrige Schulsystem in ein Gesamtschulsystem umzuwandeln.
Diese Kritik gilt 33 Jahre später genauso für die lediglich mit einem anderen Namensschild versehene Sekundarschule. Wie es scheint, saß der Schock des erfolgreichen Volksbegehrens gegen Coop den SPD-Genossen 30 Jahre lang in den Knochen. Jedenfalls haben sie so lange jede Diskussion über unser Bildungssystem gemieden, bis selbst die Konservativen mahnten: Wir müssen jetzt aber mal etwas tun! Grund war das Hauptschulsterben.
Jetzt wird also dieser Ladenhüter Coop-Schule aus der Schublade geholt. Das System hat unbestritten einige Vorteile. Das starre dreigliedrige System wird flexibler. Haupt- und Realschulen, sowie auch die Sekundarstufe 1 der Gesamtschulen, können (zum Beispiel bei Schülermangel) zusammengeschlossen werden. Dies sollen keine sogenannten Verbundschulen sein, bei der zwei Schulen lediglich eine gemeinsame Verwaltung hätten, ansonsten aber selbstständig blieben, sondern „Einheitsschulen“.
Weil die CDU dem zugestimmt hat, sei ihr eigenes Reizwort hier einmal verwendet. Natürlich stimmt es nicht so ganz. Denn worum es den Konservativen eigentlich immer ging seit über dreißig Jahren, das haben sie beim jetzigen Kompromiss auch wieder erreicht. „Ihr“ (bzw. ihrer Kinder) Gymnasium bleibt unangetastet. Wer 1978 den „Aufmarsch der Nerzjäckchen“ bei den Anti-Coop-Veranstaltungen erlebt hat, weiß, wovon die Rede ist! Der Untergang des Abendlandes in Gestalt des Bildungsbürgertums, vermittelt durch das wilhelminische Gymnasium, stand auf dem Spiel. Gerade formulierte noch FDP-Generalsekretär Christian Lindner: „Wer Gymnasien schwächt, stärkt Privatschulen, für die man Geld bezahlen muss.“ Genau das ist die Sorge der Konservativen. Die exklusive Bildung ihrer Sprösslinge, auf die sie bisher gratis Anspruch hatten, könnte plötzlich teuer werden!
Was hat dieser Schulkompromiss für Folgen vor Ort? Bei zurückgehenden Schülerzahlen bekommen nicht nur die Grundschulen, sondern auch einige weiterführende Schulen Probleme. Besonders die Hauptschulen sind von Schließung bedroht. Dieses Problem wird in der Sekundarschule dadurch gelöst, dass sie nicht mehr zwischen Haupt- und Realschülern (Prognosen am Ende der Grundschule) unterscheidet. Jetzt noch bestehende Hauptschulen (Die Matthäusschule in Wulfen wird gerade geschlossen.) würden aufgewertet zur Sekundarschule, die bestehenden Realschulen zu „Einheitsschulen gleichgeschaltet“ (Sprachgebrauch von Schwarz-Gelb, einmal umgedreht!). Eltern von Schülern mit Prognose für das Gymnasium wissen, dass die Sekundarschule mit der 10. Klasse endet, und werden sich daher für das Gymnasium entscheiden. Gesamtschulen, die nicht mehr ausreichend oberstufenfähige Schüler aufnehmen können, werden möglicherweise zu Sekundarschulen zurückgestuft.
Herabstufung: ein wichtiger Punkt! Das dreigliedrige Schulsystem beruht auf einer Gliederung nach Oben, Mitte, Unten. Dieses Prinzip bleibt nun einzig und allein für das Gymnasium bestehen. Das macht diese Schulform dann wirklich exklusiv. Schülerinnen und Schüler, die sich in den Klassen 5 und 6 am Gymnasium nicht „bewähren“, werden herabgestuft. Das heißt, sie müssen künftig auf die Sekundarschule, oder im Ausnahmefall die Gesamtschule. (Der Mechanismus zwei mal „Sitzenbleiben“ kann auch später noch zur Abschiebung auf die Sekundarschulen führen.)
Um einmal ideologisch zu argumentieren (Konservative tun so etwas ja nicht!): Das aus dem deutschen Kaiserreich stammende Prinzip der Abstufung von höheren zu niedrigeren Schulformen ist ein Überbleibsel obrigkeitsstaatlichen Standesdenkens, also entschieden antidemokratisch. Einige unserer selbsternannten Eliten verteidigen es mit Klauen und Zähnen. „Ihr“ Gymnasium soll die Privilegien, die sie wie selbstverständlich für sich reklamieren, dieses Oben=wir/ Unten=alle anderen, auch den Generationen ihrer Kinder und Kindeskinder garantieren. „Ihre“ Kinder sollen sich nicht in einer „Einheitsschule“ mit dem „gemeinen Volk“ herumschlagen müssen!
Durch das Prinzip, Schüler herabstufen zu dürfen, bekommt das Gymnasium als einzige Schulform weiter die Möglichkeit der sogenannten äußeren Selektion. Auf Deutsch gesagt, sie dürfen aussieben. Demgegenüber muss heute die Gesamtschule, die in der Regel auch zum Abitur führt, alle Schüler, die sie aufnimmt, mindestens bis zur 10. Klasse führen (Schulverweise aus disziplinarischen Gründen ausgenommen). Das verlangt von den Lehrkräften, sich gerade für sogenannte schwierige Schüler etwas einfallen zu lassen. Das ist im Prinzip, was mit einem integrativen System gemeint ist. Ein solches System wird im übrigen für die Eingliederung von Behinderten (Inklusion) durch die UN-Konvention vorgeschrieben. Die Sekundarschule wird sich entsprechend auch zu einem solchen integrativen System entwickeln. Ob der jetzige Schulkompromiss für die Zukunft bedeutet, dass Inklusion nur an Gesamt- und Sekundarschulen stattfinden kann? Abwarten.
Abschließend betrachtet erleben wir gerade die Weichenstellung zu einem zweigliedrigen Schulsystem. Eine bevorzugte Schulform (das Gymnasium) und der Rest (Sekundarschule und Gesamtschule). – Und, was unsere Konservativen geflissentlich verschweigen, die Grundschule, eine verteufelte „Einheitsschule“, oder Gesamtschule!
Autor: Karl Türck, Pressesprecher und Mitglied im Schulausschuß im Rat